• HHReichelt

Wer spricht mit mir? Ich spreche mit mir...

Wie heißt es doch so schön?!

Das Leben ist zu kurz, um eine Golfrunde allein zu spielen!

Daran ist sicher einiges wahr - schließlich ist das Leben auch zu kurz, um schlechte Weine zu trinken, unerfüllte Träume zu haben, ein langes Gesicht zu machen, ohne Leidenschaft zu lieben oder Eintagsfliegen zu zähmen.

Allein zu golfen allerdings, genieße ich manchmal. Besonders dann, wenn ich mit mir selbst spreche - mal leise, mal laut. Wenn ich plötzlich mehrere Namen habe: Mal sage ich Heiner zu mir, mal ‚mein Alter‘, mal pusche ich mich ‚Du Golf-Tiger, jage die Pille über den Platz‘, mal schreie ich mich an ‚Du Vollidiot‘! Will ich mich beruhigen, murmel ich ‚Ist schon gut, mein Kleener,‘ bin ich komplett ratlos, schüttel ich einfach nur den Kopf und ignoriere mich. ‚Herr Reichelt, das war wohl nix…‘


Ich spreche, Ihr habt es schon gemerkt, von meinen Selbstgesprächen. Von der Macht des inneren Dialogs. „Es ist eines meiner größten Vergnügen, oft und lange mit mir Gespräche zu führen,“ hat Oscar Wilde für sich erkannt, Jean Giraudoux klagte: „Man führt nicht mehr genug Selbstgespräche heutzutage. Man hat wohl Angst, sich selbst die Meinung zu sagen.“

Diese Angst habe ich nicht. Und genau deshalb, weil ich auf der Runde oftmals schonungslos mit mir umgehe, bin ich froh, daß niemand mitkriegt, wenn ich mich anraunze. Aber vielleicht ist es auch gut, dass es keine Zeugen gibt, wenn ich mich überschwenglich lobe und in die Natur hinausschreie: „Ja, Tiger, guck genau hin…so sieht ein geiler Drive aus…“ Oder wenn ich mich vor einem langen, hügeligen 5-Meter Putt motiviere:“ Den kannst du…der ist doch ganz easy…Wenn Du nicht, wer dann…?“ Und wenn die kleine weiße Kugel dann wirklich im Loch verschwunden ist, stehe ich wie ein wahrer Putt-Held auf dem Grün und hebe mich mit einem einzigen kurzen Satz in den Golfhimmel: „Keiner puttet wie Heiner…“

Wenn ich manchmal in öffentlichen Verkehrsmittel sitze und sehe, dass da jemand laut hörbar mit sich selber spricht, denke ist, der oder die ist ein wenig durchgeknallt. Aber das ist dummes Zeug - Selbstgespräche sind eine gesunde Sache. Wobei man wissen muss, dass interessante Selbstgespräche einen klugen Gesprächspartner voraussetzen…!

Fakt ist, dass sich in Selbstgesprächen Ideen formen, dass wir alle das Potenzial der Gespräche mit dem Ich voll ausschöpfen können, wenn wir es dann richtig machen. Das heißt: Bitte, bitte keine negative Konversation - Gedanken haben schließlich eine enorme Macht. Wissenschaftler wissen, dass der innere Dialog unser Handeln und unsere Gefühle prägt; angeblich bis zu 95 Prozent. Schon der Talmud warnte. „Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte, achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen. Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.“ Also nix da mit ‚Diesen Schlag schaffst du sowieso nicht.‘ oder ‚Du bist zu blöd für Golf.‘ Oder:“Die Runde fängt ja schon gut an…“ „Dieser Sch…Schlag ist ja mal wieder typisch für dich.“

Ein gutes Beispiel für positive Selbstgespräche sind Leistungssportler, die man vor Wettkämpfen häufig im inneren Dialog sieht. Leichtathleten etwa sind häufig am Start zu beobachten, wie sie etwas vor sich hinmurlen, bei Bobfahrern und Skispringern habe ich das auch oft erlebt. Spitzensportler in fast allen Bereichen nutzen das Selbstgespräch, um Motivation und Konzentration zu steigern.

Warum sollen wir das nicht auch auf dem Golfplatz tun?

Warum sollen wir nicht auch von unseren kleinen Kindern lernen, denn die machen uns das doch vor. Sie reden, singen und murmeln ständig vor sich hin. Auf diese Weise bündeln sie ihre Aufmerksamkeit, sortieren Gedanken und Geschehnisse. Im Alter von drei bis fünf Jahren reflektiert etwa jedes zweite Kind vor dem Schlafengehen die Erlebnisse des Tages, indem es mit sich selbst spricht.

In der von mir sehr geschätzten Apotheken-Umschau habe ich gelesen, was mich sehr fasziniert: „Der Bamberger Psychologie-Professor Dietrich Dörner ließ Studenten Fahrradhalter entwerfen und bauen und beobachtete sie ­dabei per Video. Ein Teil der Studenten sollte sich still verhalten, ein Teil vor sich hin reden. Besonders gut und schnell konstruierten jene, die sich ständig fragten: „Soll ich das so oder lieber so machen? Kann das funktio­nieren?“

So Leute, jetzt habe ich Euch genug erzählt. Geht raus auf den Platz und bleibt im Gespräch:

Wenn schon keiner mehr mit Euch spricht, dann sprecht zumindest mit Euch…!

PS: Einen noch. Gestern habe ich meine 90-Meter-Annäherung mit dem Satz verabschiedet: „So, mein kleiner Freund, gleich will ich dich direkt am Stock wiedersehen…!“

Was glaubt Ihr wohl, wo der Ball und ich uns wieder getroffen haben; Am Stock? Jein…Er lag im Loch.

So kann’s gehen! Der Ball muss mich falsch verstanden haben!



MEDIZIN FÜR MENSCHEN

 

Hans-Heinrich Reichelt

Chefredakteur

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D – 25451 Quickborn

Tel +49 172 4223010

hhreichelt@me.com

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