Esther Henseleit

Griff nach den Sternen 

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„Wetten, dass…?“ Schade eigentlich, dass es diese wundervolle TV-Samstagabend-Show mit Thomas Gottschalk nicht mehr gibt. 34 Jahre nach ihrer ersten Sendung strahlte das ZDF sie zum letzten Mal aus.
Ich lasse den Quotenhit noch einmal kurz wieder aufleben und wette an dieser Stelle eine brisante Wette: Wetten, dass Esther Henseleit Hamburgs Sportlerin des Jahres 2019 wird? Dass Hamburgs beste Golferin am 11. Dezember bei der

14. Sportgala in der Hamburger Volksbank-Arena diese begehrte Auszeichnung in den Händen halten wird?!

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Ich weiß, ich lehne mich damit weit aus dem Fenster! Tja, und was mache ich, wenn ich die Wette verliere? Dann bin ich bereit, als Caddie Esthers Tasche zu tragen… auf den schönsten Golfplätzen dieser Welt!

Was macht mich so sicher, dass ich die Wette
nicht verliere?
Die 20-Jährige vom Hamburger Golf-Club Falkenstein hat eine starke erste Saison als Profi hingelegt. Auf der europä­ischen Ladies Tour (LET) gelangen ihr acht Top-Ten-Platzierungen, viermal wurde sie Zweite. Sie steht auf der LET bereits als „Rookie des Jahres“ fest und belegt zurzeit Platz 2 in der Gesamtwertung. Anfang November gelang ihr die Qualifi­kation für die amerikanische Tour (US LPGA, Ladies Professional Golf Association Tour). In der Weltrangliste schoss sie von null auf Platz 156.

 

Mit den Füßen fest auf dem Boden von Falkenstein…

Ich hatte die große Freude, Esther Henseleit kennenzulernen, bei heißem Tee (Esther) und kaltem Wasser (ich) im ehrwürdigen Clubhaus Falkenstein. Dieser großartige Golfclub, die Nummer 1 in der Hansestadt, hat schon viele erfolgreiche Golfer und Golferinnen hervorgebracht – aber eine Leistung, wie Esther Henseleit sie vollbracht hat, hat es selbst in Falkenstein noch nicht gegeben! Kein Wunder, dass sie hier, einen gehörigen Drive von Elbchaussee und Elbufer entfernt,  alle mächtig stolz sind auf ‚ihre‘ Esther!

Wen habe ich da morgens um zehn zum Interview zu erwarten?
Eine junge Frau, die gerade nach den Golf-Sternen greift. Eine 20jährige, die sich eine neue Dimension, eine neue Golfzukunft erspielt hat. Die das ultimative Ziel – nämlich das Golf-Schlaraffenland USA – erreicht hat. Die nun in der Weltklasse mitmischt, dort, wo es die dicken Preisgelder gibt! Eine Golferin, die 2019 als einzige deutsche Frau die Tourkarte für die LPGA erdrived und erputtet hat! Eine Golferin also, die quasi (fast) über Wasser gehen kann und nun entsprechend auftritt… sich in den Falkenstein-Sesseln lümmelt und auf all die anderen arrogant hinabguckt? 

Genau das Gegenteil! Ich begegne einer jungen Frau, die bescheiden daher kommt, bescheiden und gänzlich tiefenentspannt. Die nicht einfach drauf los redet, sondern die sorgsam ihre Worte wählt. Die im ersten Profijahr schon mal 200.000 Euro an Preisgeldern kassiert – aber dennoch nicht einmal Business fliegt, sondern ‚Holzklasse‘. 
„Sonst wäre das für mich unnötig ausgegebenes Geld. Wer first fliegt, landet ja nicht eher.“

Schon als Kind hat Esther nachmittags lieber vier Stunden auf dem Golfplatz trainiert als vier Stunden auf dem Sofa zu sitzen. Ja, alles scheint ihr zuzufliegen… selbst die Abinote 2,0, die sie in der Waldorfschule trotz 70 Fehltagen (!!!) erreicht hat.

Doch STOPP, der Eindruck täuscht – Esther fliegt gar nichts einfach nur zu. Was immer sie ist, was immer sie kann: Dahinter steckt neben Begabung harte Arbeit! Selbst nach unserem Interview schlüpft sie (obwohl es novembermäßig nieselt…) in ihre Golfschuhe und geht auf die Driving Range! Es kommt schließlich nicht von allein, dass man sich – wie Esther – von einer Amateurkarriere mit dem in Europa einmaligen Handicap von +7,1 verabschiedet, um den Weg ins Profilager zu gehen! Handicap +7,1: Das ist so aufregend gut, als würde Sebastian Vettel in seinem Ferrari durchs Ziel schießen, während seine Konkurrenten noch nach dem Zündschlüssel kramen.

Mütter sehen was, was du nicht siehst.

Wie ist aus Esther Henseleit geworden, was aus ihr geworden ist? Gibt es Zeitzeugen, Schlüsselerlebnisse?
Ja, die Mutter hatte ihre Hände im Spiel! Esther war acht, wohnte im friesländischen Varel, als ihre Mutter Iris, eine Zahnärztin, nach einem neuen Hobby suchte. Nach Tennis entdeckte Iris Henseleit Golf. Zu Hause schwärmte sie dann von der Natur, von den Bällen, die sie mit ihrem Eisen 7 geradeaus und obendrein in die Luft beförderte. Esther, die mit vier Jahren angefangen hatte, Tennis zu spielen, wurde hellhörig. Und neugierig! Sie begleitete ihre Mutter, machte beim Jugendtraining mit und war infiziert vom berühmten Golfbazillus! Sie war das einzige Mädchen, das im GC am Meer in Bad Zwischenahn mit Jungs trainierte.

Mit neun hatte sie schon Handicap 21, sie wurde zur Kader-Sichtung in Niedersachsen eingeladen. Die weitere Karriere im Steno-Stil: nationale und internationale Erfolge, Wechsel nach Falkenstein, Nominierung für den Junior-Solheim-Cup, 2016 holt die National-Teamspielerin erst die Bronzemedaille bei den Internationalen Amateurmeisterschaften, dann wird sie mit den deutschen Damen bei der Team-Europameisterschaft auf Island überraschend Dritte. 5. Platz bei der Team-WM, Vize-Europameisterin und beste Deutsche in der Weltrangliste bei den Amateuren, Siegerin bei den Deutschen Einzelmeisterschaften in Hardenberg.

Am 1. Januar 2019 schließlich der Wechsel ins Profilager. Und gleich im ersten Jahr erspielt sie sich auf der LET ein Preisgeld von 200.000 Euro. LET ist schon mal eine gute Sache. „Aber“, sagt Esther Henseleit, „das Ziel für eine Profigolferin muss die LPGA sein.“ Nun hat Esther die Tourkarte für beide Wettbewerbe – für die LET und die LPGA. Nach der Zwischenstation LET der Sprung ins gelobte Golf-Land USA!

Wie läuft so eine Qualifikation?

188 Golf-Ladys aus aller Welt nehmen an der Qualifikation teil. Und letztendlich werden nur 45 Golferinnen die begehrte Tourkarte erwerben.
Acht Runden (144 Löcher) waren für Esther Henseleit zu spielen. Vier Runden im Plantation Golf and Country Club an Floridas Westküste – danach das finale Qualifikationsturnier  mit vier Runden im Pinehurst Resort (North Carolina). In North Carolina waren von den 188 Damen noch 108 Ladys am Start. Esther Henseleit landete mit 575 Schlägen (+3) auf dem geteilten 30. Platz. Der Cut lag bei 45. Es siegte die Chinesin Muni He (551/-21), gefolgt von der Südkoreanerin Hee Young Park (554/-18). Esther Henseleit war somit die einzige deutsche Spielerin, die 2019 den Sprung in die USA schaffte.

 

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Und nun? frage ich sie. Wie geht’s weiter? Wann beginnen die ersten Turniere? Wer begleitet Sie? Ziehen Sie in die USA? Und, und, und – Fragen, die noch nicht alle beantwortet werden können. Es gibt noch keinen Turnierkalender, und auf einen Wohnort hat Esther sich auch noch nicht festgelegt. „Am liebsten da, wo die Sonne scheint“, sagt sie und nimmt einen Schluck aus der Thermosflasche mit Tee! Um dann all meine Fragen der Reihe nach zu beantworten…

Champagner nach der LPGA-Qali?
„Ich bin 20, da bekomme ich in den USA noch keinen Alkohol. Das funktioniert erst mit 21…wir haben mit Mineralwasser angestoßen.“


 

Wie war die Reaktion aus Deutschland?
„Ich habe viele SMS bekommen. Von Freunden und meiner Familie…in Deutschland war ja schon Nacht, als mein letzter Putt fiel.“

Waren Ihre Eltern eigentlich bei der Qualifikation in den USA dabei?
„Nein, Amerika ist ja auch nicht direkt um die Ecke… aber sie kommen schon mal gern mit zu Turnieren.“

 

Wie stolz ist die Mutter?
„Das müssen Sie sie fragen – aber ich denke, sehr stolz. Sie freut sich immer für mich, wenn ich gut spiele und gewinne.“

 

Mutter-Tochter-Runden?
„Gern - aber sie hat nicht so viel Zeit. Sie muss viel arbeiten, hat drei Töchter, einen Hund. Aber, wenn wir spielen, haben wir immer viel Spaß.“
Und Ihr Vater?
„Der hatte noch nie etwas mit Golf zu tun, der guckt lieber mal zu.“

Schule?
„Ich war eigentlich in allen Fächern ganz gut – Englisch und Sport lagen natürlich vorn.“

Begabung und Fleiß?
„Ich hatte schon immer ein gutes Ballgefühl, gute Handkoordination. Aber ohne Fleiß geht’s gar nicht!“

Bestverdienende Abiturientin… 200.000 Euro Preisgelder 2019.
„Ok - aber ich muss von all den Abiturientinnen auch am meisten ausgeben. Und Steuern zahlen. Natürlich habe ich Sponsoren, aber die zahlen auch nicht alles. Mit anderen Worten; Es kommt viel rein – geht aber auch viel raus.“

Fitnesstraining?
„Sehr wichtig. Krafttraining, Stabilisation- und Balance-Übungen, Würfe, Sprünge, viel Schnellkraft. Bei Turnieren kommt das Fitnesstraining etwas kürzer – ansonsten bestimmt fünfmal die Woche. In Falkenstein haben wir auch einen eigenen Fitnessraum.“
 

Ist Golf alles?
„Klar, das ist mein Beruf. Aber ich mache ein Fernstudium, studiere Sportmanagement. Man weiß nie, was mal passiert. Im Sport werde ich sicher immer bleiben – wenn nicht mehr aktiv als Spielerin, dann sicher in einer anderen Aufgabe.“
Extremsportarten? Ist ihre Gesundheit versichert?
„Nein, nein, versichert bin ich nicht. Aber ich betreibe natürlich keine Extremsportarten. Ich wäre ja dumm, wenn ich das machen würde. Ich will mich doch nicht – vielleicht beim Skilaufen – verletzen und dann lange pausieren.“

Frauengolf im Fernsehen?
„In den USA, in Asien, selbst in Spanien werden Golf-Turniere von Frauen oft übertragen. Schade, dass wir in Deutschland diesbezüglich mehr als stiefmütterlich behandelt werden. Aber ich hoffe, dass wir irgendwann mal bei Sky so zu sehen sind wie Männer. Mehr Aufmerksamkeit, mehr TV-Präsenz verdient hätte Damengolf in jedem Fall. Das wäre auch eine Möglichkeit, dass sich die Damen besser vermarkten könnten und leichter Sponsoren bekämen.“

 

Druck im Spiel?
„Kommt drauf an, wie man Druck definiert. Wenn ich putte, oder wenn ich abschlage, und viele Leute gucken zu, dann ist das für mich kein Druck. Das ist für mich eine Freude. Ich sehe das eher als positive Spannung, ich genieße es, wenn viele Menschen mir beim Spiel zugucken.“

 

Stärken & Schwächen?
„Ich schlage gute Drives. Mein Spiel rund ums Grün ist gut, meine Schläge ins Green sind ziemlich gut, mein Bunkerspiel ist im Moment sehr gut. Wenn’s bei mir nicht läuft, liegt es meist am Putten. Das ist noch schwankend, da ist noch Luft nach oben.“

 

Demut?
„Ja, Golf lehrt Demut, jeder kennt die Tage, an denen es nicht so gut läuft. Da muss man dann durch. Golf ist ein Sport, der einem viel für’s Leben mitgibt,  Golf ist eine ehrliche Lehrstunde fürs Leben. Golf ist wie das richtige Leben – es gibt Wellen…“

Wer tröstet, wenn’s nicht läuft?
„Ich bin kein Mensch, der sich lange ärgert. Am nächsten Tag geht’s weiter. Ich rufe nicht tränenüberströmt irgendjemanden an, wenn ich den Ball nicht treffe…“
Schon mal mit dem Schläger geworfen?
„Nein, noch nie.“
Was denken Sie über die, die mit Schlägern werfen?
„Sollen sie machen – aber bitte nicht in meine Richtung. Ich sehe das tiefenentspannt. Es ist mir ziemlich egal, was die anderen machen.“

Thema Lachen?
„Natürlich wird auch mal gelacht. Aber ich bin eher der Typ, der beim Spiel keine Miene verzieht, der von außen betrachtet immer gleich aussieht.“

 

Freund?
„Ja, ich habe einen Freund.“
Golft er, golft er gut?
„Ja, er golft, und er golft gut.“
Können Sie sich einen Mann an Ihrer Seite vorstellen, der nicht golft?
„Klar, wenn’s sonst passt. Er muss ja nicht den gleichen Job haben wie ich. Wenn ich Polizistin bin, muss er ja auch kein Polizist sein…“

 

Trainer Christian Lanfermann?
„Er spielt eine sehr große Rolle. Er ist mein Schwungtrainer, ich putte mit ihm, trainiere kurzes, langes Spiel. Er ist mein Ansprechpartner auf Turnieren. Er kennt meine Defizite, mit ihm rede ich nicht nur über Golf, mit ihm quatsche ich auch über Gott und die Welt.“

Ernährung?
„Ganz normal, ich achte auf ausgewogene Ernährung. Ich esse gern Curry, Gemüsepfanne, Pasta.“
Umweltschutz?
„Was ich tun kann, tue ich. Fliegen kann ich nun mal nicht verhindern. Aber ich achte auf gute Lebensmittel – idealerweise aus der Region – und natürlich trenne ich Müll.“


 

Ende des Gesprächs. Wir gehen wieder getrennte Wege. Esther nimmt ihr Bag und geht auf die Driving Range, ich fahre mit Notizen und meinem digitalen Sprachrecorder ins Büro. Eine Stunde mit einer jungen Frau, die weiß, was sie will. Die weiß, was sie kann.
Nach meiner ersten Wette setze ich noch einen drauf. Ich wette nicht nur, dass Esther Henseleit Sportlerin des Jahres 2019 wird, ich wette auch, dass die im Sternzeichen Steinbock (Eigenschaften: ehrgeizig, zuverlässig, ausdauernd, beharrlich, belastbar, bodenständig, diszipliniert, ideenreich, klug, realistisch, vorsichtig) geborene Esther spätestens in zwei Jahren zu den 50 besten Golferinnen der Welt gehört!

PS:

Ich habe die Wette gewonnen!

Natürlich freue ich mich darüber, aber noch mehr freue ich mich für Esther, dass ihre grandiose Leistung mit dieser grandiosen Wahl honoriert worden ist!
 

MEDIZIN FÜR MENSCHEN

 

Hans-Heinrich Reichelt

Chefredakteur

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D – 25451 Quickborn

Tel +49 172 4223010

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