Steig ab, wenn Du merkst, dass Du ein totes Pferd reitest...


Gestern hatte ich ein interessantes Gespräch mit einer - sagen wir mal so - älteren Dame.

Bei einem Glas Wein kamen wir auf der Clubhausterrasse ins Gespräch.

Wir schauten auf die saftig-grünen Bäume auf unserem Golfplatz An der Pinnau. Ich schwärmte - wie so oft - vom Golfen und meiner Golfleidenschaft.

Dabei bemerkte ich, dass die Augen ‚meiner‘ Dame eher matter wurden als glänzender.

Ich sprach sie darauf an, und sie gestand mir: "Eigentlich macht mir golfen überhaupt keinen Spaß…“ Ah, ja.

Und bevor ich nach dem Warum fragte, meinte sie:“Ich versuche es nun schon seit zwei Jahren. Aber ich begreife es einfach nicht. Ich treffe keinen Ball. Der Trainer verzweifelt langsam an mir, und die Mitspieler, die mal mit mir auf der Runde waren, verstecken sich schon, wenn ich komme. Sie haben offensichtlich Angst, dass ich sie frage, ob sie mich ein paar Löcher begleiten…“

Warum hast du angefangen, zu golfen? fragte ich.

„Nur meinem Mann zuliebe. Er wollte unbedingt, dass ich mitspiele. Dass ich nicht ewig allein zu Hause bin…ja, und dass er kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn er Stunden um Stunden und Tag um Tag hier auf dem Golfplatz ist.“

Pause. „Ich weiß wirklich nicht, was ich machen soll,“ sagte sie und gönnte sich noch einen schönen Schluck von dem trockenen Weißwein. „Soll ich einfach aufhören und die Schläger verkaufen?“

Ich hatte einen Antwort für sie. Ich grinste, als ich ihr eine Weisheit der Dakota-Indianer empfahl: "Wenn Du merkst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab…“


Sie mußte auch lachen. Diesen Satz hatte sie noch nie zuvor gehört. Wir beide lachten.

Ich googelte die Dakota-Weisheit und las ihr vor, wie es aussehen kann, wenn wir Hochkulturen versuchen, bis zur Perfektion von vornherein zum Scheitern verurteilte Strategien und Methoden anzuwenden.

Wir besorgen uns eine stärkere Peitsche.

Wir wechseln die Reiter.

Wir sagen: „So haben wir das Pferd schon immer geritten”.

Wir gründen einen Arbeitskreis, um das Pferd zu analysieren.

Wir besuchen andere Orte, um zu sehen, wie man dort tote Pferde reitet.

Wir bilden eine Task-Force, um das Pferd wiederzubeleben.

Wir kaufen Leute von außerhalb ein, die angeblich tote Pferde reiten können.

Wir schieben eine Trainingseinheit ein, um besser reiten zu können.

Wir erklären, dass unser Pferd besser, schneller und billiger tot ist als andere Pferde.

Wir entwickeln ein Motivationsprogramm für tote Pferde.

Wir erstellen eine Präsentation in der wir aufzeigen, was das Pferd könnte, wenn es noch leben würde.

Wir strukturieren um, damit ein anderer Bereich das tote Pferd bekommt.

Wir senden jemandem das tote Pferd als Geschenk. Geschenke darf man nicht zurücksenden.

Wir erklären: „Kein Pferd kann so tot sein, das wir es nicht mehr reiten können.”

Wir weisen den Reiter an, sitzen zu bleiben, bis das Pferd wieder aufsteht.

Wir stellen dem Reiter eine Beförderung in Aussicht.

Wir ordnen Überstunden für Reiter und Pferd an.

Wir schließen mit dem Reiter eine Zielvereinbarung über das Reiten toter Pferde.

Wir gewähren dem Reiter eine Leistungspämie, um seine Motivation zu erhöhen.

Wir schicken den Reiter auf ein Weiterbildungsseminar, damit er besser reiten lernt.

Wir organisieren regelmäßige Teamgespräche mit einem externen Supervisor, um die Kommunikation zwischen Reiter und totem Pferd zu verbesseren.

Wir schlagen dem Betriebsrat vor, Leistungsanreize für tote Pferde einzuführen.

Wir sourcen den Stall für tote Pferde aus, um Futterkosten zu sparen.

Wir schreiben die Stelle des Reiters des toten Pferdes bundesweit aus, nachdem sich aus dem eigenen Haus kein qualifizierter Bewerber gefunden hat.

Wir verdoppeln die Futterration für das Pferd.

Wir wechseln den Pferdelieferanten.

Wir wechselnd den Futterlieferanten.

Wir wechselnd das Stroh im Stall aus.

Wir lassen den Stall renovieren.

Wir schließen mit dem Betriebsrat eine Betriebsvereinbarung über den Einsatz toter Pferde im Unternehmen.

Wir stellen fest, dass die anderen auch tote Pferde reiten und erklären dies zum Normalzustand.

Wir bringen im Rahmen des Budgets die Produkt- und die Finanzverantwortung des toten Pferdes zur Deckung.

Wir starten einen Ideenwettbewerb zum Reiten toter Pferde.


Bitte umsatteln…


Wir beauftragen eine renommierte Beratungsfirma mit einem Gutachten, ob es billigere und leistungsfähigere tote Pferde gibt.

Das Gutachten stellt fest, dass das tote Pferd kein Futter benötigt und empfiehlt, nur noch tote Pferde zu verwenden.

Wir machen eine Studie, um zu sehen, ob es billigere Berater gibt.

Wir machen zusätzliche Mittel locker, um die Leistung des toten Pferdes zu erhöhen.

Wir erhöhen die Qualitätsstandards für den Beritt toter Pferde.

Wir lassen das tote Pferd nach DIN EN ISO 9001 zertifizieren.

Wir stellen Vergleiche unterschiedlich toter Pferde an.

Wir ändern die Kriterien, die besagen, ob ein Pferd tot ist.

Wir schirren mehrere tote Pferde zusammen an, damit sie gemeinsam schneller werden.

Wir beantragen Fördermittel der EU aus dem Landwirtschaftsfond für Pferdehaltung.

Wir erklären: "Wenn man das tote Pferd schon nicht reiten kann, dann kann es doch wenigstens eine Kutsche ziehen".

Wir bilden einen Qualitätszirkel, um eine Verwendung für tote Pferde zu finden.

Wir überarbeiten die Dienstanweisung für das Reiten von Pferden.

Wir richten einen unabhängige Kostenstelle für tote Pferde ein.

Wir erklären: "Kein Pferd kann so tot sein, dass man es nicht noch schlagen könnte."

Wir tauschen das tote Pferd gegen ein anderes totes Pferd aus, das laut Produktbeschreibung schneller läuft.

Wir tauschen das tote Pferd gegen eine tote Kuh aus.

Im Rahmen eines internationalen Artenschutzabkommens verpflichten sich alle Partner, das Aussterben toter Pferde zu verhindern.

Wir wenden die Helmut-Kohl-Strategie an: Wir setzen uns hin und warten sechzehn Jahre, ob das Pferd sich nicht einfach nur tot stellt.

Wir wenden die Gerhard-Schröder-Strategie an: Wir schnallen dem toten Pferd einen leichteren Sattel um, damit es die Chance hat, sich wieder von selbst zu erholen.

Wir wenden die Angela-Merkel-Strategie an: Alle dürfen munter sich widersprechende Vorschläge machen und am Schluss ist der Koalitionspartner schuld, wenn das Pferd sich nicht bewegt.

Wir erklären, daß ein totes Pferd von Anfang an unser Ziel war.

Wir legen das tote Pferd bei jemand anderem in den Stall und behaupten, es sei seines.

Wir leugnen, jemals ein Pferd besessen zu haben.

Wir haben auf der Terrasse Tränen gelacht. Und zwei weitere Glas Wein bestellt.

Und wir haben die Dakota-Weisheiten anderen vorgelesen, die wissen wollten, warum wir so laut und so herzhaft lachen. Und dann haben auch die gelacht.

Über die Wahrheit, der wir uns so oft nicht stellen, weil wir lieber nach Ausreden suchen.

Ich bin neugierig, ob meine Terrassen-Bekanntschaft beim Golfen bleibt.

Oder ob sie das macht, was sie ihrem Mann gleich nach den Weisheiten am Handy gesagt hat: "Helmut, ich höre auf mit dem Golfen. Und all das Geld, das wir in diesem Jahr für Trainerstunden sparen, spende ich für einen wohltätigen Zweck…“

Idealerweise für die Jugendabteilung im GC an der Pinnau. Da gibt es jede Menge junge Golf-Indianer!

#DakotaIndianer #Steigab #wennDueintotesPferdreitest #GCAnderPinnau

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MEDIZIN FÜR MENSCHEN

 

Hans-Heinrich Reichelt

Chefredakteur

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