Die Sprache der Golfer

„Wie geht`s?“ fragte ich den Nachbarn, als ich für ein paar Tage in Berlin eintauchte.

Es war früher Nachmittag, er war mit seinem Retriever Gassi, und ich hatte die Idee, dass er auf meine Frage „wie geht`s ?“ vielleicht so, also kurz und knapp, antworten würde: „Gut.“ - „Schlecht.“ - „Geht so“. „Die Kinder sind krank.“ - Corona macht mich fertig." -„Meine Frau ist ausgezogen.“ „Das Auto springt nicht an“. „Morgen kommt meine Schwiegermutter.“

Nix dergleichen. Die Antwort des Nachbarn, der mir vor ein paar Monaten bei einem herrlichen Grillfest gesagt hatte, dass er mit seiner Frau und seiner Tochter angefangen habe zu golfen, antwortete - und zwar mit einem Leuchten in den Augen:“ Ich hab’ mich letzte Woche um drei Punkte runtergespielt.“ Pause, das Leuchten in den Augen wurde heller: „Und gestern noch mal um zwei.“

Dann nannte er mir voller Genugtuung sein neues Handicap - und er entschwand mit dem Golden Retriever im Hauseingang, aber nicht ohne hoffnungsvoll anzudeuten:“ Mal seh’n - wenn sie mich morgen im Büro nicht brauchen und es trocken bleibt, fahre ich noch mal raus…“

Raus - das heißt natürlich auf den Golfplatz.

Golferkommunikation.

Du fragst ganz harmlos ‚Wie geht’s‘? - und Du kriegst als Antwort die wichtigsten News aus dem persönlichen Golferleben. Manchmal sind die News aus dem Golferleben eben wichtiger als das ‚richtige‘ Leben. Aber was heißt eigentlich ‚richtiges‘ Leben - vielleicht ist der Alltag, das sogenannte ‚richtige‘ Leben, nur die Pflicht und das Golfen die Kür.

Jedenfalls, ich, der nun schon über 30 Jahre golft, hätte es wissen müssen, als ich dem Nachbarn die Frage ‚Wie geht’s?‘ stellte. Ich hätte wissen müssen, dass er - unter uns Golfern… - auch in der Golfersprache antwortet. Wer golft, denkt in anderen Kategorien. Der antwortet auf ein „Wie geht’s?“ einfach so - und zwar weltweit.

Beispielsweise:

„Ich hab’ mir ‚nen neuen Driver geholt - das ist ‚ne Rakete. Gnadenlos das Ding, sag‘ ich dir…“

Oder:

„Du hättest mich gestern mit meinem Eisen sieben sehen sollen. Tot an der Fahne - jeder Ball.“

Oder:

„Nächste Woche fliege ich nach Teneriffa - das wird geil."

Oder:

„Frag mich nicht. Im Augenblick treff ich gar nichts - ich sag nur eines: underfucked und overgolfed…“

Oder:

„Wenn meine Putts gefallen wären, ich sag’s Dir Alter…aber die Grüns kannste vergessen im Moment…“

Oder:

„Wird höchste Zeit, dass wir wieder mit Besserlegen spielen…“

Undsoweiterund so weiter.

Jeder von uns kennt die Sprüche. Jeder sagt sie, niemand von uns hört ernsthaft hin, wenn es der (die) andere sagt. Golfer wollen Zuhörer…nicht zuhören…und möglichst wenig behalten von dem, was der (die) andere von sich gibt. Immer nach dem Motto: Dein Score interessiert mich sowieso nicht. Oder: Wer nichts behält, kann nichts vergessen…

Ach ja, bevor ich von Berlin wieder nach Hamburg gefahren bin, habe ich den Nachbarn noch einmal getroffen. Wieder beim Gassigehen…und wieder sprachen wir nicht über den Hund…! Und - ich mußte gar nicht mehr fragen. Was dem Golfer-Nachbarn auf der Seele lag, hat er mir auch so gesagt: „Ich überlege, ob ich mir einen neuen Putter hole…meiner ist unten einfach zu leicht.“ Putter-Problem: „Die Bälle fallen einfach nicht…“

„Was haben Sie für einen Putter…?“

Ich sagte ihm, dass meiner über 30 Jahre alt und unten schwer ist…

„Klar, so einen hol’ ich mir auch.“

Oberflächlich?

Jein! In jedem Fall befreiend ist die Golferkommunikation.

Und - was am wichtigsten ist: Wir haben es selbst in der Hand, was wir in unserem Golferleben denken und verändern wollen. Hier sind wir wer - hier sind wir mal keine Marionetten - wie so oft im politischen Leben. Besonders jetzt, in der Corona-Phase. Hier kann ich entscheiden, ob ich mit einem neuen oder meinem alten Driver abschlage. Ob mein Putter einen leichten oder einen schweren Schlägerkopf hat. Ob ich vor der Runde auf die Range gehe, oder ob ich’s bleiben lasse.

Beim Golfen habe ich Einfluss auf mein Leben.

Und das ist mir wichtig…denn MIR vertraue ich!


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MEDIZIN FÜR MENSCHEN

 

Hans-Heinrich Reichelt

Chefredakteur

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